Städtisches Wohnumfeld und alternde Bevölkerung
Dr. Heidrun Mollenkopf
- Literatur
- Alte Menschen in ihrer Umwelt
- Veranstaltung
- Wie werden wir leben?
Mit meinem Beitrag knüpfe ich an das an, was Herr Robischon zum Schluss seines Beitrags angesprochen hat: das Wohnumfeld. Dabei werde ich eher die Perspektive der einzelnen älteren Menschen betrachten. Zu meiner Person: Ich bin Soziologin, komme vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg, und das „n“ ist uns ganz wichtig in diesem Begriff. Denn es gibt nicht das Alter als solches, sondern Altern geschieht in einem Prozess: das Älterwerden selbst wie auch die Veränderung der Bedürfnisse älter werdender Menschen.
Meinen Beitrag gliedere ich folgendermaßen: Zunächst gehe ich der Frage nach, warum es wichtig ist, über das Wohnumfeld zu sprechen, wenn es um ein befriedigendes Altern geht. Im nächsten Schritt werde ich kurz berichten, was wir über ältere Menschen wissen. Im Anschluss werde ich einige Voraussetzungen des Wohnumfeldes darstellen und aufzeigen, was es – ganz subjektiv betrachtet – für Ältere bedeutet, die Wohnung verlassen und sich draußen aufhalten zu können. Im nächsten Schritt werde ich kurz schildern, was die wichtigsten und häufigsten Aktivitäten älterer Menschen sind, welche Probleme sie erfahren, wenn sie sich in ihrer außerhäuslichen Umwelt bewegen und was sie sich an Verbesserungen wünschen. Meine Schlussfolgerungen werden stark an das anknüpfen, was Sie [Referent Tobias Robischon] beschrieben haben.
Was wissen wir über die Älteren? Dazu muss ich ganz kurz wiederholen: Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehntendeutlich gestiegen und steigt weiter. Sie beträgt für Männer zurzeit etwa 74 Jahre, für Frauen rund 80 Jahre. Wenn jemand erst einmal 65 Jahre alt geworden ist, dann kann man zu diesen Zahlen jeweils weitere fünf Jahre hinzuzählen. Von den älteren Männern sind die meisten noch verheiratet oder sie leben mit einer Partnerin zusammen. Wie wir wissen, ist das bei Frauen eher nicht der Fall. Das liegt zum einen an der höheren Lebenserwartung von Frauen, zum anderen an der heutigen Generation, weil viele Männer im Krieg gefallen oder nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind. Deshalb sind viele Frauen heute allein, während Frauen in Zukunft vielleicht häufiger auch mit einem Partner zusammenleben können.
Die Altersgrenze wird vielfach bei 65 Jahren, dem zurzeit noch offiziellen Renteneintrittsalter, angesetzt. Viele Menschen beenden jedoch ihr Erwerbsleben schon viel früher. Unter den über 65-Jährigen sind nur noch ganz wenige erwerbstätig.
Wir wissen zudem, dass Ältere in Städten besser gebildet sind und über höhere Einkommen verfügen als diejenigen auf dem Land. Männer und die Frauen der jüngeren Generationen sind außerdem besser gebildet als alte Frauen oder als die heute sehr alten Menschen generell. Daneben gibt es – nicht zu vergessen, wenn es um die Rentendiskussion geht -, große Unterschiede in der Einkommensverteilung. Die reichen Erben, von denen oft die Rede ist, diese wohlhabenden Älteren, die die ganze Zeit in der „Weltgeschichte herumreisen“, gibt es natürlich. Aber diese bilden nur einen kleinen Teil der älteren Bevölkerung. Die Bandbreite innerhalb der Gruppe Älterer in Bezug auf Einkommen und Vermögensverhältnisse ist sehr groß. Darüber hinaus ist zwischen den „jungen“ und den „alten“ Alten, zwischen Gesunden und Beeinträchtigten zu unterscheiden. Aber dazu werden wir nachher noch mehr hören.
Zum Wohnumfeld kann ich Ihnen aus einem internationalen Projekt berichten, das wir in den letzten Jahren durchgeführt haben. Es wurde jeweils in Städten und ländlichen Regionen fünf europäischer Länder durchgeführt und von der Europäischen Kommission gefördert; die insgesamt 3950 Befragten waren 55 Jahre und älter (Mollenkopf et al., 2005). Wir haben bei dieser Studie sowohl standardisierte Fragebögen als auch Tagebücher verwendet. Der Schwerpunkt der Untersuchungen lag auf der alltäglichen Mobilität der Älteren, aber auch auf dem Wohnumfeld, denn außerhäusliche Mobilität spielt sich weitgehend im näheren Wohnumfeld ab. Den Schwerpunkt werde ich heute auf das städtische Wohnumfeld speziell in Deutschland legen. Der theoretische Hintergrund, den wir dabei verfolgt haben, ist der Ansatz der ökologischen Gerontologie (Wahl, Mollenkopf & Oswald, 1999). Wir nehmen also an, dass sich ein befriedigendes Alter auf der einen Seite aus einer guten Wechselwirkung zwischen den Fähigkeiten, den Möglichkeiten, den Kompetenzen einer Person ergibt, auf der anderen Seite aus den Gegebenheiten des Umfeldes, und letztlich, inwiefern diese beiden Seiten zusammenpassen und sich gegenseitig ergänzen. Je nachdem, ob sie passen oder auseinander klaffen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten eines positiven Alterns.
Voraussetzungen des Wohnumfeldes für ein befriedigendes Altern
Nun also zum Wohnumfeld als Voraussetzung für ein befriedigendes Altern. Wir haben die Älteren in unserer Untersuchung gefragt, welche Wohnumfeldbedingungen für sie besonders wichtig sind. Abb. 1 zeigt eine Auflistung der Bedingungen, geordnet nach der Häufigkeit der Nennungen (jeweils untere Balken). Die jeweilige Umfeldbedingungen ist gegeben, wenn ihr eine helle Markierung gegenüber steht. Diese Grafik verdeutlicht zum einen: Die wichtigsten Dinge sind die, die wirklich die Grundbedürfnisse abdecken – gute medizinische Versorgung, gute Verkehrsverbindungen, gute und saubere Umweltbedingungen und gute Versorgung mit Geschäften und Dienstleistungen. Diese Bedingungen sind in den untersuchten Städten auch weitgehend vorhanden. Eine Diskrepanz ergibt sich aber beispielsweise bei den Umweltbedingungen, also in Bezug auf gute, saubere Umweltbedingungen wie Grünanlagen oder frische Luft. Ein gutes Verhältnis besteht andererseits bezüglich guter Nachbarschaft und kultureller Angebote – in den Städten, wie gesagt.
Ein ganz wichtiger Punkt war die Versorgung mit Geschäften oder medizinischen Diensten. Ich möchte hierzu einige Zitate aus qualitativen Befragungen in einer ost- und einer westdeutschen Stadt wiedergeben. Sie sollen verdeutlichen, wie wichtig die genannten Aspekte für die Lebensqualität älterer Menschen sind. Ein Beispiel: „Zur Kaufhalle haben wir es nicht weit, ist ja die Hauptsache, dass ich alles ’ranholen kann.“ Oder: „ Es ist halt nur so, eben grade beim Einkaufen, weil bei uns zuhause in der Gegend gibt’s ja überhaupt nichts, kein Laden, kein gar nix. Und die kleinen Läden in dem Ortskern, die meisten machen sowieso zu, da ist kaum noch ein Lebensmittelladen.“ Dies sind also Dinge, die die Lebensqualität im Alter sehr deutlich erhalten oder auch behindern können. In der untersuchten westdeutschen Stadt (Mannheim) ist die Grundversorgung weitgehend gesichert, in anderen Regionen sind jedoch einige Dienstleistungseinrichtungen nicht jederzeit erreichbar. Die in Tabelle 1 dokumentierte Zufriedenheit der Menschen ist demnach sehr unterschiedlich. Extrem unzufrieden äußerten sich die älteren Ostdeutschen auf dem Land, während sie in der westdeutschen Stadt relativ zufrieden sind.
Wie erreichen ältere Menschen die von ihnen als wichtig erachteten Geschäfte und Einrichtungen? Der überwiegende Teil der alltäglich notwendigen Einrichtungen kann zu Fuß erreicht werden. In vielen Fällen muss aber mit dem Auto gefahren werden. Der internationale Vergleich zeigt, dass z. B. in Ungarn die Verhältnisse etwas anders sind. Dort werden alltägliche Besorgungen fast ausschließlich zu Fuß erledigt. Das liegt zum Teil an der (noch) vorhandenen Infrastruktur und zum Teil daran, dass die meisten Menschen dort kein Auto zur Verfügung haben. Umgekehrt ist es in Italien. Dort finden wir den höchsten Anteil an Autobesitzern und deshalb ist dort der Autofahreranteil entsprechend größer, während in den Niederlanden traditionell das Fahrrad eine große Rolle spielt. Natürlich begünstigen regionale und geografische Gegebenheiten diese Entwicklung.
Insgesamt aber bewegen sich die meisten älteren Menschen immer noch zu Fuß fort (Tabelle 2). Das ist bei etwa der Hälfte der ab 55jährigen der Fall. Das Auto nutzen vor allem jüngere Männer, während Hochaltrige und Frauen eher öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen in der jetzigen, älteren Generation häufig noch keinen Führerschein und damit auch kein Auto besitzen. Das wird sich in den nächsten Jahren aber deutlich ändern. Mit dem ÖPNV sieht es in den Städten relativ günstig aus. Auf dem Land dagegen ist die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln jedoch äußerst dürftig. Entsprechend gering ist die diesbezügliche Zufriedenheit der Älteren (Tabelle 3).
Für alle diese Regionen gilt – wie das Beispiel Mannheim in Abbildung 2 zeigt: Ältere können die für sie wichtigen Einrichtungen häufig aus gesundheitlichen Gründen nicht erreichen. Damit hängen aber natürlich auch andere Gründe zusammen, denn wenn man gesundheitlich beeinträchtigt ist, dann fallen Entfernungen umso schwerer ins Gewicht, da man bestimmte Strecken einfach nicht mehr gehen kann. Andere Faktoren, die in dieser Hinsicht eine Rolle spielen, sind: der Mangel an Begleitpersonen, schlechte Verkehrsverbindungen und ungünstige Straßenverhältnisse, also eine ungünstige Infrastruktur. Weniger schwer ins Gewicht fallen Dinge wie schlechte Straßenbedingungen oder Schwierigkeiten bei der Nutzung öffentlicher Transportmittel.
Kritisch wird es, wenn wir uns den Entwicklungsverlauf dieses Sachverhalts vergegenwärtigen. Wir haben in einer Folge-Befragung von fünf Jahren Dauer festgestellt, dass sich der Zugang zu Einrichtungen fast überall verschlechtert hat. Das ist besonders bei Hochaltrigen schwerwiegend, die schon 80 Jahre und älter sind. Wenn wir zugleich berücksichtigen, dass die körperliche Bewegungsfähigkeit mit zunehmendem Alter geringer wird und die eigenen Füße eigentlich immer noch das wichtigste „Verkehrsmittel“ alter Menschen darstellen erkennt man, wie wichtig es ist, die Infrastruktur vor Ort und im Wohnumfeld zu sichern.
Wir wissen auch, dass der Autobesitz in den nächsten Generationen zunimmt und dass darin vor allem auch die Frauen aufholen. Dies hat ganz unterschiedliche Konsequenzen. Die Abhängigkeit vom Auto wird größer, je weniger wir im Wohnumfeld vorfinden. Diese Entwicklung bedeutet aber auch eine Erhöhung des Verkehrsgeschehens, eine größere Verkehrsdichte, was wiederum mit einer eingeschränkteren Mobilität älterer Menschen einhergeht.
Aber nicht nur Einkaufsmöglichkeiten oder die medizinische Versorgung im Umfeld sind wichtig. Wichtig im Alter sind auch soziale Kontakte und die Erreichbarkeit wichtiger Bezugspersonen. Nur etwa ein Drittel der Älteren in Städten können ihre wichtigsten Bezugspersonen in etwa einer Viertelstunde erreichen. Die meisten haben eine deutlich größere Entfernung zurückzulegen.
Weiterhin spielt für die Qualität des Wohnumfeldes eine Rolle, wie sicher sich jemand in seiner Umgebung fühlt. Das ist mit zunehmendem Alter ein immer größeres Problem (Abbildung 3). Aus subjektiver Sicht wird die Umwelt zum großen Teil als gefährlich erlebt. Viele Menschen ziehen sich zumindest bei Dunkelheit aus der Öffentlichkeit zurück und begeben sich abends nicht mehr außer Haus. Das setzt wiederum einen Kreislauf in Bewegung, denn je weniger Menschen ihre Wohnung verlassen, umso kritischer wird die Situation tatsächlich. Dies ist ein Problem, das nicht nur ganz alte Menschen betrifft und auch nicht nur Frauen. Verständlicherweise ist die Ängstlichkeit bei Frauen größer als bei Männern. Aber auch unter den Männern fühlt sich etwa ein Drittel bei Dunkelheit außerhalb der eigenen Wohnung unsicher. Grund hierfür ist die Angst, bei Dunkelheit das Haus zu verlassen und überfallen zu werden. In den Städten ist es häufig die Furcht vor Personen oder Gruppen, oder auch vor einem eventuellen Einbruch zu Hause nach Verlassen der Wohnung. Technische oder räumliche Rahmenbedingungen wie schlechte Straßenbeleuchtung oder ähnliches sind von geringerer Bedeutung als die sozialen Aspekte.
Was bedeutet es für ältere Menschen, aus dem Haus gehen zu können?
Beachtenswert ist die Tatsache, dass es für ältere Menschen eminent wichtig ist, überhaupt aus dem Haus gehen zu können. Wir haben hierzu ältere Menschen in offenen Gesprächen gefragt. Dabei zeigten sich insgesamt sieben ganz zentrale Aspekte: Zunächst nannten die Befragten „Freude“ oder „das Leben“ allgemein als zentralen menschlichen Aspekt. Zentral sind auch körperliche Bewegung und kommunikative Aspekte der Mobilität: mitzubekommen, was im Umfeld und draußen in der Natur stattfindet. Hierzu gehört auch der Aspekt der gesellschaftlichen Teilhabe, deren Voraussetzung es ist, das Haus zu verlassen. All dies sei auch Voraussetzung dafür, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen und selbst für sich sorgen zu können, also nicht durch andere bestimmt zu werden und nicht von anderen abhängig zu sein. Einige Befragte sahen im Verlassen des Hauses eine Voraussetzung dafür, etwas anderes zu hören und zu sehen, sozusagen als „Quelle“ von Anregungen und neuen Eindrücken. Ein letzter Aspekt ist gekennzeichnet durch das Wörtchen „noch“, das in einigen Zitaten erschienen ist: „Ein Beweis, dass ich noch ein Mensch bin wie andere Menschen auch“. Das ist eine Aussage, die jüngere Menschen so wohl nicht äußern würden, während die anderen genannten Aspekte auch für jüngere Menschen gelten dürften.
In welcher Weise sind Ältere außerhalb ihrer Wohnung aktiv?
Zu den alltäglichen Aktivitäten, die ältere Menschen außerhalb ihrer Wohnung durchführen, verfügen wir über Daten aus den Tagebüchern, die sie zwei Tage lang geführt haben. An erster Stelle steht das Einkaufengehen (31% aller Wege), dann das Treffen von Freunden oder ein Spaziergang oder Stadtbummel (jeweils 12%). Immerhin acht Prozent der von uns Befragten waren erwerbstätig. Etwa gleich häufig wurden Erledigungen bei Bank, Behörden usf. als Aktivität genannt. Das Bild von den Älteren, die in den Arztpraxen herumsitzen, stimmt nicht mit den von uns zusammengetragenen Daten überein. Arztbesuche machen nur etwa sechs Prozent der außerhäuslichen Wege aus, die von den Befragten in den dokumentierten Tagen gegangen wurden.
Was in Tagebüchern nicht so deutlich wird, sind Aktivitäten, die vielleicht nur einmal in der Woche oder nur einmal im Monat, vielleicht sogar nur einmal im Jahr getätigt werden. Deshalb ergänzten wir diese Angaben durch die Daten der Fragebogen-Befragung. So haben wir festgestellt, dass neben oder nach ihrer Berufstätigkeit nur in den jüngeren Altersgruppen, also den 55- bis 74-Jährigen, ein kleiner Prozentsatz erwerbstätig ist oder noch einer gelegentlichen Beschäftigung nachgeht. Zudem stellten wir fest, dass ehrenamtliche Tätigkeiten lediglich von zehn Prozent der älteren Menschen übernommen werden. Die Pflege eines Angehörigen betrifft speziell die Gruppe der jüngeren Frauen. In diesem Kontext werden nur die ehrenamtlichen Tätigkeiten, allerdings nur zu einem ganz geringen Prozentsatz, auch von den Hochaltrigen ausgeführt.
Bei den Freizeitaktivitäten haben wir nach innerhäuslichen und außerhäuslichen Aktivitäten unterschieden. Die häufigste Aktivität in der Wohnung ist – das war nicht anders zu erwarten – das Fernsehen. Gemütlich zu Hause sein, lesen, Kreuzworträtsel lösen: Auch das sind Dinge, die Ältere in ihrer Wohnung üblicherweise tun. Am seltensten wird der Computer zu Hause genutzt. Internet-Surfen stand bei den Älteren nur mit zwei Prozent im Vordergrund. Die Gruppe der „silbernen Surfer“, die älteren aktiven, interessierten Internet-Nutzer bilden heute noch eine kleine und sehr selektive Minderheit (Doh & Kaspar, in Druck). Außerhalb des Hauses überwiegen soziale Aktivitäten: Freunde und Verwandte treffen, Ausflüge und kleinere Reisen machen und, an letzter Stelle, das ehrenamtliche Engagement.
Körperlich aktiv sind ältere Menschen vor allem in den ländlichen Regionen. Gartenarbeit ist in der Stadt natürlich nicht so weit verbreitet. Aber speziell in der ostdeutschen Stadt (Chemnitz) bildet die kleine Datscha, irgendwo am Stadtrand oder in der Umgebung, für über die Hälfte der Älteren einen wichtigen Bestandteil des Alltagslebens. Kulturelle Aktivitäten nennen die Befragen der westdeutschen Stadt relativ häufig (33%), in der ostdeutschen Stadt seltener (19%) und auf dem Land noch seltener. Einen nur geringen Prozentsatz machen auch diejenigen älteren Menschen aus, die sich weiterbilden oder künstlerisch beschäftigen (ca. 5%). Männer und Frauen in den jüngeren Altersgruppen sind je nach ihren Möglichkeiten vergleichsweise zufrieden. In der älteren Gruppe sind Frauen zufriedener sind als Männer. Offenbar gibt es Freizeitangebote für ältere Männer nicht in so befriedigender Weise wie für Frauen.
Insgesamt kann man sagen, dass Ältere eher in traditionellen Freizeitbereichen aktiv sind. Die Unterschiede zwischen den Älteren und den Jüngeren sind eher altersbedingt als dass sie Veränderungen anzeigen. Der einzige Bereich, der in Zukunft vielleicht Veränderungen zeitigt, ist die Internet-Nutzung. Aber auch in dieser Hinsicht ist eher eine gewisse Stagnation zu beobachten. Veränderungen sind eher insofern zu erwarten, als neue Kohorten Jüngerer nachrücken, die den Umgang mit dem Computer gewöhnt sind.
Wir sind davon ausgegangen, dass Ältere – wenn sie großen Wert auf Freizeitbeschäftigungen legen – eigentlich zufriedener sein müssten, je mehr Aktivitäten sie durchführen können. Das hat sich für alle untersuchten Städte bestätigt. Die Zufriedenheit ist ausgeprägter bei denjenigen, bei denen die Teilhabe an den Aktivitäten in ihrem Umfeld möglichst viele Bereiche abdeckt. Diese Männer und Frauen sind deutlich zufriedener als diejenigen, die darin sehr eingeschränkt sind. Wovon die Zufriedenheit mit den Freizeitmöglichkeiten abhängt, haben wir in verschiedenen Analysen untersucht und festgestellt, dass vor allem öffentliche Verkehrsmittel eine große Rolle spielen. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt für die Stadt- und Verkehrsplanung. Gute, körperliche Mobilität ist ein weiterer Grund für die Zufriedenheit mit den Freizeitmöglichkeiten, denn die Bewegungsfähigen unter den Älteren können mehr unternehmen. Hat jemand ein Auto, kann er damit bestimmte Kompetenzeinbußen ausgleichen. Frauen, das hatten wir schon gesehen, sind im Durchschnitt zufriedener als Männer. Überrascht hat uns, dass die Älteren in den westdeutschen Gebieten der von uns untersuchten ländlichen Regionen mit ihren Möglichkeiten zufriedener sind als ihre Altersgenossen in den entsprechenden ostdeutschen Regionen. Dort wirkt es sich negativ auf die Zufriedenheit aus, auf dem Land zu wohnen.
Hinderungsgründe für außerhäusliche Partizipation
Welches sind die größten Hindernisse für älterer Menschen, wenn sie außerhäuslichen Aktivitäten nachgehen wollen? Ähnlich wie bei der Erreichbarkeit von Geschäften und Einrichtungen spielt die gesundheitliche Verfassung eine große Rolle. Es folgen mit einem hohen Prozentanteil die häufig zu großen Entfernungen und mangelnden Möglichkeiten für bestimmte Aktivitäten in der Nähe. In eher traditionell familienorientierten Ländern wie Italien oder Ungarn, aber auch in Ostdeutschland kommt der Aspekt zum Tragen, dass die Älteren noch durch die Pflege von Familienangehörigen gebunden sind oder speziell bei Alleinlebenden eine Begleitperson. Der erstgenannte Grund führt dazu, dass Ältere unter Umständen keine Zeit mehr für weitere Aktivitäten haben (Tabelle 4).
Ein weiteres Hindernis für die Zufriedenheit älterer Menschen sind ungünstige Verkehrsbedingungen. Der Straßenverkehr kann nach Aussagen der Älteren als ein ganz großes Hindernis gelten. Die Autos fahren generell zu schnell. Sie fahren zu schnell an die Überwege heran, so dass für ältere Menschen schwer zu erkennen ist, ob sie anhalten oder doch fahren. Sie fahren zu nah am Bürgersteig, und insgesamt fühlt man sich als alter Mensch im Verkehr häufig benachteiligt. Der Verkehr ist zu hektisch, und viele stehen dem Verkehr hilflos gegenüber. Diejenigen, die körperlich beeinträchtigt sind, empfinden diese Bedingungen deutlich schwerwiegender als Personen, die körperlich noch fit und aktiv sind und verschiedene Verkehrsmittel noch sehr gut nutzen können.
Bei der Untersuchung anderer Alltagsbedingungen haben wir uns zunächst gewundert, dass diejenigen mit Beeinträchtigungen weniger Schwierigkeiten nannten, als nicht Beeinträchtigte. Nach einer genaueren Betrachtung dieser Ergebnisse stellten wir allerdings fest, dass diese Gruppe viele Bereiche der öffentlichen Infrastruktur überhaupt nicht mehr nutzt. Manche der Aktivitäten der nicht Beeinträchtigten kamen für die Beeinträchtigten überhaupt nicht mehr in Frage.
Was kann nun aus Sicht der Älteren verbessert werden? Das betrifft zum einen die öffentlichen Verkehrsmittel. Was Ältere sich wünschen, sind beispielsweise altersgerechte Busse und Bahnen. In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren bereits viel getan, speziell in den Städten. Diese sind dabei, ihren Fuhrpark nach und nach zu modernisieren. Das muss unbedingt weiter verfolgt werden. Zu den Verbesserungsmöglichkeiten im ÖPNV-Bereich zählen auch organisatorische Dinge: Die bessere Abstimmung der Fahrpläne, direkte Verbindungen, also ohne die Notwendigkeit umzusteigen. Informationen müssen leicht verständlich und besser zugänglich sein. Es muss mehr Personal zur Verfügung stehen. Besonders für gesundheitlich Eingeschränkte sind die Entfernungen zwischen den Haltestellen entscheidend.
Als technische Verbesserungen wurden altersgerechte Autos und Fahrräder genannt.
Wichtiger waren allerdings Aspekte der Verkehrs- und Stadtplanung: An erster Stelle der Verbesserungswünsche standen unter diesem Aspekt: Mehr Bänke, mehr Sitzgelegenheiten zum Ausruhen unterwegs, also die Möglichkeit, sich auszuruhen, ohne dazu in ein Café gehen und etwas konsumieren zu müssen. Mehr Geschäfte und Dienstleistungen sowie mehr Fahrradwege waren weitere wichtige Punkte in dieser Hinsicht. Besonders letzterer betrifft ein Dilemma der Älteren, die oft nicht mehr so gut hören und sehen. Wenn Fahrräder, die ja relativ geräuscharm sind, unter Umständen sogar von hinten kommen, dann ist das für sie ein Problem, mit dem sie schlecht zurechtkommen.
Weitere Aspekte betreffen die Sicherheit. Ältere Menschen empfinden ein starkes Bedürfnis nach mehr Sicherheit im Verkehr und im öffentlichen Bereich. An erster Stelle steht allerdings der Verbesserungsbedarf der sozialen Bedingungen und der sozialen Umwelt. Ihre Erwartungen richten sich auf mehr Rücksichtnahme im Straßenverkehr, eine bessere, finanzielle Ausstattung Älterer und preiswertere Fahrscheine für öffentliche Verkehrsmittel. In dieser Hinsicht gibt es inzwischen viele Möglichkeiten für sehr Einkommensschwache. In manchen Regionen – auch im Rhein-Neckar-Raum – gibt es spezielle Angebote für Menschen ab 60 Jahre. Aber für Personen, die nur ein- bis zwei Mal im Monat in die Stadt oder woanders hin fahren wollen, lohnt sich eine solche Karte nicht. Einzelfahrscheine sind dann wieder verhältnismäßig teuer.
Ein weiterer sozialer Aspekt wird in dem Wunsch nach Begleitpersonen oder nach preiswerteren Fahrdiensten für Gehbehinderte deutlich. Für schwer Beeinträchtigte gibt es das bereits. Ist jemand jedoch nicht sehr schwer beeinträchtigt, dann fehlen entsprechende Dienste oder diese müssen teuer bezahlt werden.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Verbesserungen sind nicht nur in einem Bereich notwendig, sondern es sind sowohl bauliche als auch organisatorische, technische und vor allem auch soziale Maßnahmen notwendig, um Älteren ihre Selbstständigkeit und Partizipation und damit auch ihre Lebensqualität und ihr Wohlbefinden zu erhalten. Dazu gehören insbesondere gut zu Fuß erreichbare Geschäfte und Einrichtungen. Weiter erschlossen werden müssen alle öffentlichen Einrichtungen. Wirklich wünschenswert sind fußgängerfreundliche Bereiche und verkehrsberuhigte Zonen. Das bedeutet auch, sichere Wohlfühlgegenden und Freiräume zu schaffen, um Begegnung und soziales Miteinander zu ermöglichen. Es sind möglichst vielseitige Angebote notwendig, damit auch „alte Männer“ – sage ich ganz pauschal – zu ihrem Recht kommen und zufrieden an Freizeit und Aktivitäten teilnehmen können.
Wir haben am Schluss gesehen, wie wichtig die Gestaltung eines Verkehrssystems ist, so dass auch ältere Menschen daran teilhaben, es erleben, ergehen und erfahren können. Um dies zu erreichen ist eine intensive Zusammenarbeit von Sozialplanern, Stadtplanern und Verkehrsplanern unter dem Einbezug von Bürgerinnen und Bürgern eines jeden Alters notwenig.
Damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit. Ich übergebe hiermit an Herrn Professor Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg.
Literatur
Doh, M. & Kaspar, R. (in Druck). Entwicklung und Determinanten der Internetdiffusion bei älteren Menschen. In H. Meulemann & J. Hagenah (Hrsg.), Sozialer Wandel und Mediennutzung in der Bundesrepublik Deutschland: Nutzung der Daten der Media-Analyse für Sekundäranalysen. Münster: LIT Verlag.
Mollenkopf, H., Marcellini, F., Ruoppila, I., Széman, Z., & Tacken, M. (Eds.)(2005). Enhancing mobility in later life – Personal coping, environmental resources, and technical support. The out-of-home mobility of older adults in urban and rural regions of five European countries. Amsterdam: IOS Press.
Wahl, Hans-Werner, Mollenkopf, Heidrun & Oswald, Frank (Hg.) (1999). Alte Menschen in ihrer Umwelt. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.


