Portrait einer Bürgerstiftung

Die gewachsenen europäischen Städte sind ein wertvolles und unersetzliches Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgut. Walter Siebel erinnert an die große Geschichte der europäischen Stadt. In der Zeitspanne des 11., 12. und 13. Jahrhunderts ist das heutige Stadtsystem Westeuropas entstanden. Trotz Pest, trotz 30-jährigem Krieg und trotz den weitreichenden politischen und ökonomischen Umwälzungen in diesem Jahrtausend ist das westeuropäische Städtesystem nicht untergegangen. Selbst die enormen Zerstörungen des zweiten Weltkrieges haben die europäische Stadtstruktur nicht grundsätzlich verändert.

Die europäischen Städte verfügen über einzigartige kulturelle Ressourcen, große soziale Integrationkräfte und außergewöhnliche ökonomische Entwicklungschancen. Unsere Städte sind Wissenschaftszentren und Quellen für Innovation und Wachstum. Bei der Herausbildung der modernen Bürgergesellschaft haben die Städte eine kulturell, politisch und ökonomisch führende Rolle gespielt. In den freien Städten ist die moderne Bürgergesellschaft entstanden. Die europäischen Städte verdanken ihre kulturelle Kraft der rechtlichen und politischen Autonomie ihrer Verfassung und der von freien Bürgern getragenen Selbstverwaltung. Diese Bürgergesellschaft hat die Städte zu Kraftwerken der Modernisierung im 20. Jahrhundert gemacht.

Für die Zukunft dieser Kraftwerke im 21. Jahrhundert, für die Zukunft der europäischen Stadt arbeitet die Stiftung urban future forum.

Die europäischen Städte müssen sich auf fundamentale gesellschaftliche Veränderungen einstellen. Als Folge der Globalisierung kommt es zu Einschränkungen der lokalen Handlungsfreiheit. Zur Einflussnahme globaler Investitionsstrategien auf die Arbeitsmarktentwicklung und das Gewerbesteueraufkommen und als sichtbarstes Zeichen der Globalisierung zu den globalen Wanderungsbewegungen, die Armut, aber auch politische Konflikte und die kulturellen Differenzen der zweiten und dritten Welt in die europäischen Städte tragen.

Zu den folgenreichsten Veränderungen gehört auch der sozioökonomische Strukturwandel, der unter anderem zu einer Spaltung zwischen jenen, die in den Arbeitsmarkt integriert sind und denen, die dauerhaft in die Arbeitslosigkeit ausgegrenzt werden, führt.

In der Bundesrepublik Deutschland steigt der Anteil der über 60-Jährigen bis 2050 auf 37 %. Der Anteil der unter 20-Jährigen sinkt auf 16%. Eine Folge des demographischen Wandels ist auch die Internationalisierung der Bewohner in den europäischen Städten. In den deutschen Städten haben etwa 20 % aller Einwohner einen Migrationshintergrund. In Stuttgart und Frankfurt am Main liegt dieser Anteil bei 40 %. Die kulturelle und ethnische Heterogenität wächst von Tag zu Tag. In den großen europäischen Städten erreicht der Anteil der Jugendlichen unter 18 Jahren mit Migrationshintergrund die 50 % Grenze.

Die Einstellung auf die multikulturelle Zukunft der europäischen Stadt wird zu einem zentralen Thema der Stadtpolitik. Die Stiftung urban future forum ist ein Forschungsund Handlungsverbund, der von führenden Köpfen Europas gegründet wurde, um die Stadtpolitik in Europa bei der Lösung der sozialen, ökonomischen und kulturellen Probleme, die sich europaweit aus den fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen aufdrängen, zu unterstützen.

Das zentrale Ziel der Stiftung ist der Einsatz für eine humane Zukunft der europäischen Stadt und ihrer Bürger. In regelmäßigen Abständen entwickelt und organisiert die Stiftung Veranstaltungen, die sich mit den Auswirkungen des globalen Strukturwandels und der demographischen Entwicklung auf die Zukunft der europäischen Stadt befassen. Dazu gehören Metropolengespräche, Politische Diskurse, Symposien und insbesondere die Zukunftskongresse, die mit großem Erfolg seit 2005 in Frankfurt am Main stattfinden. Die besten Referenten aus der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik und der Kultur entwickeln und präsentieren auf den diversen Veranstaltungen Lösungsansätze für die stadtpolitischen Probleme in den europäischen Städten.

Entsprechend dem Anspruch der Stiftung urban future forum – ganzheitliches Denken und interdisziplinäres Arbeiten – gehen wir bei allen Veranstaltungen über die weit verbreitete eindimensionale Betrachtung und Fragestellung hinaus und entwickeln Lösungsansätze, die die Vielzahl gegenwärtiger und zukünftiger Einflussfaktoren berücksichtigen. Um den komplexen Herausforderungen der gesellschaftlichen Veränderungen angemessen begegnen zu können, führt die Stiftung urban future forum die unterschiedlichsten Disziplinen, Kompetenzen und Parteien unter einem Dach zusammen. Dazu zählen Geisteswissenschaftler, Architekten, Projektentwickler und Städteplaner genauso wie Entscheidungsträger aus der Politik, der Finanzwirtschaft und der Immobilien-, Bau- und Wohnungswirtschaft.

Unsere Stiftungsmaxime heißt: Wirklichkeit begreifen, Zukunft gestalten und aus den Veränderungen den maximalen Nutzen für die Menschen gewinnen. Das ist das Besondere und das zentrale Anliegen der Stiftung urban future forum.

Johannes Rau hat in seiner letzten Berliner Rede am 12. Mai 2004 die Angst vor der Zukunft als den sichersten Weg, die Zukunft nicht zu gewinnen, bezeichnet. Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt den Blick dafür, was in Staat und Gesellschaft tatsächlich verändert werden muss. Johannes Rau benennt den Mangel an Vertrauen und an Verantwortungsbereitschaft als Hauptgründe für die mangelnde Kraft zur Veränderung.

Die Politik hat die Pflicht, Zukunftsentwürfe und den nötigen Gestaltungswillen zur Umsetzung der Zukunftsentwürfe glaubhaft zu präsentieren. Politik muss gestalten und darf nicht der Wirklichkeit hinterherhinken. Politik muss mehr sein als die möglichst geschickte Form, das zu kommentieren, was ohnehin geschieht, sonst droht eine innere Auswanderung aus der Demokratie.

Die Stiftung urban future forum fühlt sich verpflichtet, die europäische Stadtpolitik bei der Entwicklung, Präsentation und der Umsetzung der Zukunftsentwürfe als notwendige Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu unterstützen.

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Prof. Dr. Peter Rhein
Dipl.-Gerontologe, Stadtrat a. D.,
1968–1989 Mitglied des Magistrats der Stadt Frankfurt