Die Disziplin Städtebau
Für ein Überdenken der bestehenden Theorien
Prof. Dr. Vittorio M. Lampugnani
Überhaupt ist den meisten Städtebau-Theorien, die heute weltweit en vogue sind, die Überzeugung gemeinsam, die rasante Ausbreitung und diffuse Zerfransung unserer Städte seien in keiner Weise aufzuhalten. Was nicht abgewendet werden kann, muss hingenommen und kann dabei genauso gut gleich positiv gedeutet werden.
Ist die rasante Verstädterung unserer Landschaft wirklich akzeptabel, ist sie notwendig und schicksalhaft? Politisch, soziologisch, ökonomisch mag sie sich auf den ersten Blick so darstellen; ökologisch gewiss nicht. Mit den Ressourcen unserer Erde muss sparsam umgegangen werden, und zu unseren wichtigsten und kostbarsten Ressourcen gehört die Landschaft. Wir dürfen nicht immer mehr neues Bauland an den Rändern unserer Städte ausweisen, um mit locker gestreuten Einfamilienhäusern einer Natur nachzuziehen, die wir damit unwiederbringlich zerstören, und zugleich Peripherien erzeugen, die weder urban noch ländlich sind. Wir müssen zusammenrücken.
Dabei sprechen nicht nur ökologische Gründe gegen eine schrankenlose Verstädterung. Ökonomisch bildet sie, übergreifend und langfristig betrachtet, eine spektakuläre Fehlinvestition, weil sie schier unüberblickbare Folgekosten nach sich zieht, von denen jene der Nachurbanisierung mit ihren Infrastrukturaufwendungen lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen. Soziologisch trägt sie zur Zerstörung des Gemeinsinns dadurch bei, dass sie ihm den Ausdrucksraum entzieht, der unverzichtbare Grundlage jeder solidarischen, toleranten, integrationsfähigen und lebensfrohen Gesellschaft ist. Politisch ist sie nicht minder kontraproduktiv, und zwar aus einem ähnlichen Grund: weil sie die kompakt artikulierte Stadt als Ort der res publica unterhöhlt, erodiert und letztendlich negiert.
Das entscheidende Argument gegen die Verstädterung und zugunsten der beharrlich totgesagten, beharrlich beliebten und bevorzugten kompakt artikulierten Stadt ist indessen demographisch. In Europa, Nordamerika und Japan sind die Einwohnerzahlen bereits stagnierend, wenn nicht gar rückläufig: Urbanistisch geht es also dort um innovative Bewirtschaftung des Vorhandenen, nicht um Expansion. Aber auch in den übrigen Ländern wird nach den neuesten wissenschaftlichen Ergebnissen die Bevölkerungsexplosion, die zu einer Vervierfachung der Anzahl der Bewohner der Erde im 20. Jahrhundert geführt hat, nicht lange andauern. Bereits jetzt verlangsamt das demographische Wachstum, und es wird damit gerechnet, dass etwa um die Mitte unseres Jahrhunderts die Weltbevölkerung nicht mehr ansteigen, sondern stabil bleiben wird; im dritten Jahrhundertquartal wird sie wahrscheinlich abnehmen. Das bedeutet: Auch die Städte, die gegenwärtig so schnell expandieren, dass sie aus den Fugen zu geraten scheinen, werden sich stabilisieren, vielleicht sogar schrumpfen.
Dem demographischen Paradigmenwechsel muss der städtebauliche folgen, ja er muss ihn vorausschauend begleiten und planerisch vorwegnehmen. Dafür wird der Städtebau neue Kompetenzen entwickeln, aber auch leichtfertig vergessene wieder beleben müssen. Zuallererst wird er sich allerdings auf seine ursprüngliche Bestimmung zu besinnen haben: die menschengerechte, funktionelle, nachhaltige sowie ästhetisch und kulturell anspruchsvolle Gestaltung unserer Umwelt. Und darauf, dass er diese Bestimmung nicht wird erfüllen können, wenn nicht Planung und Entwurf (wieder) zusammengeführt werden: auf der einen Seite also die objektive Erhebung von umweltrelevanten Daten, ihre Verknüpfung und ihre Überführung in Handlungsstrategien, auf der anderen die subjektive Umsetzung dieser Strategien über kulturelle und ästhetische Programme in eine klar definierte physische Form.
Geschichte der Stadt und kritische Wissenschaft
Die neuen Städtebauer werden als Entwerfer und Gestalter auftreten müssen, zuvor aber als Forscher und Wissenschaftler. Städtebau ist weniger der geniale Wurf als das geduldige Aufbauen auf Grundlagen, die teilweise bestehen und teilweise geschaffen werden müssen. Nicht zufällig handelt es sich um eine Disziplin, in der die Manualistik immer schon geblüht hat: von den Traktaten der Antike bis zu jenen der Renaissance, von den grossen Abhandlungen des Barock und des Klassizismus bis hin zu den Handbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihnen allen ging es weniger darum, einen Kanon festzuschreiben, als Wissen zu sammeln und zu systematisieren, das dadurch verfügbar wurde. Städtebau ist, wenn auch immer und notwendigerweise kreativ, primär eine Wissenschaft, wenngleich eine Wissenschaft ohne Axiom, und sie verlangt neben dem schöpferischen Akt eine methodische Arbeit.
Für diese Arbeit wird sich die urbanistische Disziplin Städtebau der eigenen Tradition erinnern müssen. Diese Rückbesinnung steht in keinem Widerspruch zur Innovation, welche die veränderten Verhältnisse erfordern, im Gegenteil: Radikal und dabei sachkundig Neues vermag nur aus einem langen Gedächtnis zu kommen.
Die Verpflichtung gegenüber der Geschichte muss nicht zuletzt methodisch wirken. Gerade wenn sich Städtebau theoretisch und praktisch auf die epochalen Umbrüche einstellen will, die heute durch die ökologische, durch die demographische und nicht zuletzt durch die telematische Revolution Stadt und Land ergreifen, muss er seine eigene Vergangenheit nach den Theorien durchsuchen, die ähnliche Umwälzungen bereits systematisch erfasst haben, nach den stadtarchitektonischen Modellen, die sie auf Grund dieser Theorien hervorgebracht hat und die sich in der Benutzung bewährt haben, und nach den Planungsinstrumenten, die diese Modelle wirksam umgesetzt haben. Die Geschichte der Stadtarchitektur ist insofern ein Gedächtnis von Strategien, das auf aktuelle Ansprüche hin durchsucht werden muss.
Die Geschichte der Stadtarchitektur ist jedoch mehr als dies: sie ist selbst ein Instrument der produktiven Kritik. Dadurch, dass sie über die urbanen Bilder hinaus zu den urbanen Theorien vordringt, auf welchen diese Bilder gründen, liefert sie den Schlüssel zu deren Verknüpfung. Und damit auch den Schlüssel, um zeitgenössische Stadtprojekte fundiert zu bewerten. Mit anderen Worten: sie ermöglicht Entwurfsentscheidungen jenseits von rein subjektiven Geschmacksneigungen und ausschliesslich ästhetischen Vorlieben.
So ist die bestehende (realisierte, aber auch nur erdachte und gezeichnete) Stadtarchitektur potentiell beides: Baumaterial und Anleitung zum kritischen Umgang mit eben diesem Baumaterial. Das Studium der Städte der Welt erschliesst eine Art Thesaurus von Elementen, Strassen, Plätzen, Parkanlagen, Flusskais und Esplanaden, die in unzähligen (und oft wunderbaren) Ausprägungen variiert nur darauf zu warten scheinen, ausgemessen, untersucht und neu erfunden zu werden. Zugleich gibt es dadurch, dass es diese Elemente in Beziehung setzt zu den Voraussetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind, und zu den Folgen, die sie gezeitigt haben, die Parameter an die Hand, um deren Neuerfindungen zu bewerten. Anders ausgedrückt: um reflektierter zu entwerfen.


