Architektur
Prof. Dr. Wolfgang Böhm
Die „Neue Unübersichtlichkeit”, die die Philosophie in den 80er Jahren als gesamtgesellschaftliches Problem erkannte, gilt auch für die zeitgenössische ‚moderne‘ Architektur. Für das Phänomen ihrer Richtungslosigkeit, für das Hans Sedlmayr im Jahr 1948 das Wort vom ‚Vertust der kulturellen Mitte‘ prägte, steht heute das Wort des ‚all is possible‘, das auch andere Bereiche unserer Gesellschaft beherrscht. Auf zweierlei Weise: als Segen insofern, als es Türen zu neuen Wegen aufzustoßen vermochte, die starre Normen bis dahin fest verschlossen hielten, als Fluch, wenn man sich die ‚Scheußlichkeiten‘ vor Augen hält, welche die Architektur im Geist dieses ‚all is possible‘ in den vergangenen Jahrzehnten in der europäischen Stadt hinterließ.
Wie nun dieses Phänomen der Richtungsoffenheit, das ein zutiefst modernes Phänomen ist, hinsichtlich seiner architektonischen Relevanz zu denken ist, stellt sich als eine zentrale Frage der Architektur und des Städtebaus.
Die Architektur befindet seit dem Bruch mit der Tradition und dem Eintritt in die kulturelle Moderne – überspitzt formuliert – in dem Dilemma, ihre Normativität immer wieder neu bestimmen und in Einklang mit der Wirklichkeit bringen zu müssen. Die Leitbilder und Visionen, die die Pioniere der Moderne zu Beginn unseres Jahrhunderts programmatisch etablierten, greifen heute nicht mehr. Die neu entstandenen Gesichtspunkte, die der geschichtlichen Bewegung hin zur nachindustriellen Gesellschaft entspringen, lassen heute eine weitaus komplexere Welt erscheinen, auf die die Architektur nur partikulare, keinesfalls mehr totale Lösungen bereit zu halten imstande ist. Die Architekten müssen erkennen, dass es immer schwieriger wird, in einer sich ständig verändernden Welt mit neuen Werten und auch neuen Mitteln die Architektur zu fundieren.
Mit diesem Problem der Richtung, das eine Grunderfahrung der Moderne darstellt, ist ein zweites, nicht weniger gravierendes Problem verknüpft. Dieses besteht, allgemein formuliert, im Verlassen jenes Grundsatzes der Authentie oder Authentizität, welcher die Doppelstellung der Architektur zwischen zweckfreier und zweckgebundener Kunst bis in die Hälfte unseres Jahrhunderts hinein normativ regelte. Dieses Problem besteht im Versuch der Architektur das Prinzip der Subjektivität als einziger Quelle des Normativen wieder zu etablieren.
Der zum Teil groteske Hang zur Selbstdarstellung auf Seiten des Bauherren und des Architekten, das als selbstverständlich beanspruchte Recht, wie es so heißt, nach der ‚eigenen Linie‘, kann als Indiz für die erfolgte qualitative Reduktion der Architektur auf die alleinige Gesetzlichkeit persönlichen Geschmacks gewertet werden. Der Marsch zurück in die Geschichte, den die postmoderne Bewegung an die Stelle einer notwendigen kritischen Überprüfung des modernen Projekts gesetzt hatte, ebnete, im Geiste dieses Prinzips, den Weg für die Stars der jeweils aktuellen Gegenwart in die Magazine der Presse und auf die Bühne der Architekturszene. Diese Entwicklung, bei der eine vorbildlose, zukunftsoffene, zugleich entwurzelte Moderne ihre ästhetischen Maßstäbe nur aus der Quelle des eigenen Ichs noch schöpft, bei der jede Rationalität ‚im ironischen Gelächter der Vernunft‘ (Habermas) unterzugehen droht, wirft notwendigerweise ihren Schatten auf die Befindlichkeit der europäischen Stadt. Zum einen, weil über die Konzentration auf den architektonischen Entwurf, der nur eigenen Regeln genügt, die Gesamtgestalt der Stadt vernachlässigt wird. Zum andern, weil auf diese Weise jene gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in der Architektur ausgeblendet bleiben, die sie eigentlich integrieren sollte, um allen gesellschaftlichen Bereichen zu genügen.
Zum Problem der Richtung, zu dem Problem des Rückzugs der Architektur auf die individuelle Maßstäblichkeit als Antwort auf das Scheitern der klassischen Moderne, kommt die Unsicherheit der Disziplin Architektur als Folge beschleunigten Zeitgeschehens. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche, ökologische und technologische Wandel kann die komplexe Natur des architektonischen Entwerfens nicht entwirren oder vereinfachen. Im Gegenteil, die Architektur sieht sich einer immer komplexeren Welt gegenüber und muss sich der Frage stellen, wie sich die gängige Architektur- und Städtebaupraxis diesem Wandel anpassen kann.
Was muss die Architektur tun, um der Reformierung der europäischen Stadt zukünftig zu genügen?
Mit Blick auf das Problem der Richtungslosigkeit wird vorgeschlagen den universalistischen Anspruch der modernen Architektur zu suspendieren und die entwerferische Arbeit vergleichbar jener eines ‚Karthographen‘ zu verstehen. Ein Interesse am Fragmentarischen, das die Differenz zwischen den Bauaufgaben und deren Voraussetzungen zum Ausdruck bringt, kann den Weg freimachen für eine Art ‚Archäologie der Entwurfsaufgabe‘. Was bedeutet das? Der Tessiner Architekt Mario Campi hat das in einem Essay zur ,Bedeutung der Analyse für das architektonische Entwerfen’ anschaulich erklärt:
An die Stelle der Anwendung einer im vornherein bestehenden, abstrakten Theorie oder modischen Vorliebe tritt die entwerferische Suche durch die Analyse nach den im Innern der Aufgabe gebundenen Traditionen und Materialien. Ob es sich um die funktionellen oder symbolischen oder um die technischen Aspekte des Entwerfens handelt, sie werden in ihrer Eigenschaft als Teil einer schon erprobten Tradition betrachtet, in der sich schon unzählige Bedeutungen und Geschichten abgelagert haben. Der Entwurf wird zur Untersuchung darüber, inwiefern sich diese Materialien zu einer neuen ‚labilen‘ Ordnung zusammenführen lassen. Diese beschreibt den Charakter eines Projektes, welches nicht mehr das Abbild einer allgemeinen Ordnung und Harmonie ist, sondern lediglich ein spekulativer Vorschlag zu einem möglichen Verständnis der konkreten und begrenzten Wirklichkeit einer Bauaufgabe. Die ‚Labilität‘ der entwurflichen Lösung ist Teil einer Haltung, welche bewusst auf die Gewissheit verzichtet, durch den Entwurf die ‚causa prima‘, ein zentrales Motiv und eine objektive Aussage zu bestimmen. Auf diese Weise gewinnt an der Stelle der abstrakten und daher die Wirklichkeit verfehlenden Theorie der ‚klassischen Moderne‘, die Analyse des konkreten Gegenstands an zentraler Bedeutung. Sie bildet den einzig verbleibenden Ausgangspunkt und den stetigen Bezugspunkt jeder entwerferischen Tätigkeit und weist durch den bewussten Akt des Suchens und Aufspürens des Konkreten in der gegebenen Situation, dem Entwerfenden die Richtung seiner Arbeit.
Mit Blick auf das zweite Problem der Gründung des Architekturentwurfs im Subjektiven als normativer Instanz wird dafür plädiert anstelle der Formen zu den Inhalten der Architektur zurückzukehren. In diesem Sinne geht es darum, eine realistische und antiformalistische Architektur der europäischen Stadt zu definieren, eine Architektur, die für sich die Fähigkeit in Anspruch nimmt, zu urteilen, zu wählen, auch zu verzichten, und nicht bloß für den schönen Schein der europäischen Stadt zu repräsentieren. Dies schließt ein, dass über eine solche architektonische Reduktion oder Selbstbeschränkung hinaus jeder architektonische Entwurf seine Legitimität aus einem größeren, kollektiven Maßstab zu definieren hat: der Stadt und der Landschaft. Durch diesen erst wird gewährleistet, dass der architektonische Entwurf nicht wie ein Kunstwerk seinen eigenen Gesetzen allein genügt, sondern dass dieser jene ‚zugleich zwingenden Gesetzlichkeiten mit einschließt, die über die isolierte Existenz des (Architektur-) Werks hinausreichen, die es einbinden in den großen Lebenszusammenhang, dem es dient‘: der Gesellschaft in toto.
Zum letztgenannten Problem der komplexen Welt. Es waren die ‚großen Fragen der praktischen Gestaltung des Lebens auf der einen Seite, die Aufgabe einer immer erweiterten und vervollkommneten theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt auf der anderen Seite‘ und die damit verbundene Sorge Conrad Fiedlers, die Kunst könnte einmal ‚außerhalb der positiven Welt‘ liegen, die ihn veranlassten, von jeder künstlerischen Tätigkeit zu fordern sich nicht nur ‚unter den Zwang der Dinge‘ zu stellen, sondern sich sogar ‚zur Sklavin der Wirklichkeit‘ zu machen. In dieser Forderung, die der Kunsthistoriker Conrad Fiedler am Ende des vorvergangenen Jahrhunderts an die Adresse wahrheitssuchender Künstler und Architekten gerichtet hatte, liegt zu Beginn dieses neuen Jahrhunderts wiederum der Schlüssel zukünftigen architektonischen Entwerfens und Bauens. Nur wenn die Architektur bereit ist, sich der ‚Wirklichkeit‘, und damit den Herausforderungen, die sich aus dem gewaltigen, sich vollziehenden gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und technologischen Strukturwandel ergeben, zu stellen, wird sie in der Lage sein, angemessene Antworten architektonisch zu formulieren. Antworten, die die kulturelle, soziale und geschichtliche Identität und Differenz der europäischen Stadtberücksichtigen und befördern.


